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Siegfried Zielinski

2006-08-29 21:15:42 Uhr

Wie forscht man gegen eine eindimensionale, herkömmliche Geschichtsauffassung an? Wie befreit man die Geschichte von ihrer Rolle als reiner Zulieferer der uneingeschränkten Fortschrittsgläubigkeit? Bestimmt nicht, indem man den Forschritt zum Teufel jagt. Aber es existieren auch noch andere Wunschmaschinen, die sich mit der Technik poetisch verbünden.

An-archäologische Befunde

Experiment und Suchbewegung

Wohin gehen die Subjekte in theoretischen Erzählungen? Wenn diese noch eine emanzipatorische Suchbewegung vornehmen, mag man vielleicht glauben: »Rien ne va plus«. Nichts geht mehr, hatte doch der große Soziologe und Philosoph Adorno in seiner »Negativen Dialektik« noch allenfalls im Schein von Kunst und Zwölftonmusik die Erlösung gesucht und schließlich in eine tragische Sackgasse navigiert. Dagegen könnte man sich auch eine emanzipatorische Bewegung vorstellen, die etwas »Fröhliches« zu verkünden weiß. Gewiss macht sich in unseren Tagen ein Unbehagen breit, dass uns die Kehrseite der Globalisierung und allgemeinen Ökonomisierung doch noch alle einholen könnte. Die permanent hohe Arbeitslosigkeit und Desillusionierung in Deutschland sind zwei tragische Anzeichen dafür. Da freut man sich vielleicht umso mehr, dass solche fröhlichen Geister wie Siegfried Zielinski einen ganz anderen Ton einschlagen, mit Ernst Bloch gewissermaßen »Das Prinzip Hoffnung« verkünden.

In seinem Buch »Archäologie der Medien« plädiert Zielinski für einen machtfreien medialen Raum. Eine solche utopische Vision herrschaftsfreier Räume verbindet ihn mit dem großen Kulturwissenschaftler Walter Benjamin, der den universalen politischen und ideologischen Maschinen - in seinen kleinen Texten - immer wieder kritisch und sarkastisch gegenüber trat.

Spurenmagie

In einer opulenten Suchbewegung spürt Zielinski Ideen, Visionen und Entwürfen nach, die von einer unmöglichen Gegenwart des Medialen handeln, dabei aber die Position des Subjektes bestärken. Er erzählt uns von seinen persönlichen Helden, die weit mehr sind als bloße Ingenieure und Erfinder - Künstler, Performer, Alltagspoeten und Idealisten. Um einige Namen zu nennen: Empedokles, Kircher, Lombroso und Gotthold Ephraim Lessing treffen auf das Critical Art Ensemble. Die Zauberworte dieser emanzipatorischen Vision heißen dabei: Freundschaft und Experimentierbereitschaft.

Möglicherweise ist Zielinski kein Medienhistoriker, sondern ein Spurenmagier. In seiner »An-Archäologie der Medien« kanalisiert er die Kräfte der Poesie und Einbildungskraft, um in ihrer Begleitschaft jene Orte der medialen Geschichte aufzusuchen, die nicht primär der Suche nach dem Unbedingten frönen. Es sind vielmehr die Nachbarzonen, die Randgebiete der Geschichte, die in vielen historischen Erzählungen auf der Strecke bleiben, obwohl sie uns den Weg aufzeigen könnten in ein hinreißendes Anderswo.

Biographie

Jahrgang 1951, studierte Philosophie, Theaterwissenschaft, Deutsche Philologie, Medienwissenschaften, Politologie und Linguistik in Marburg und Berlin und schloss sein Studium mit einer Arbeit zum »Jud Süß«-Regisseur Veit Harlan ab. In den 1980ern war er Medienwissenschaftler bei Friedrich Knilli an der Technischen Universität Berlin, 1990 wurde als Professor für Audiovision an die Universität Salzburg berufen. 1993 übernahm er den Lehrstuhl für Kommunikations- und Medienwissenschaften an der Kunsthochschule für Medien Köln, von 1994 bis 2000 war er deren Gründungsrektor und Rektor. Er lehrt und forscht zur Geschichte, Theorie und Praxis der Audiovision mit dem Schwerpunkt Archäologie der Medien.

Jens Ohlig

2006-08-27 22:02:24 Uhr

Hacker werden oft mit destruktiven Computerspezialisten oder Script Kiddies verwechselt. Ein Hacker kann aber auch ein politisch motivierter Aktionist sein. Als ich mit dem ehemaligen Pressesprecher vom Chaos Computer Club über virtuelle Streikformen, Partisanen und Hacktivisten diskutierte, wurde mir bewußt, was digitaler Widerstand bedeuten könnte. Das Analoge wurde dabei ein wenig vernachlässigt und gerade hier, im blinden Fleck der Unterscheidung, haust der hybride Protestankerpunkt.

Wie man digitale Räume zerlegt

Elektronisch-ziviler Ungehorsam

»Nach allgemeinem Verständnis ist ein Hacker ein überaus talentierter Computerspezialist, welcher Sicherheitsbarrieren überwinden und in fremde Systeme eindringen kann. Destruktive Hacker werden abwertend als Crasher oder Cracker charakterisiert. Ein Hacker, der Gebrauch von seinen Fähigkeiten macht, um politisch tätig zu werden, wird als Hacktivist bezeichnet. In den Medien findet diese Unterscheidung jedoch kaum Beachtung. Fälschlicherweise wird dort das Verständnis für den Begriff ›Hacker‹ meist auf einen destruktiven Computerexperten reduziert, der seine Fertigkeiten vornehmlich für kriminelle Zwecke nutzt.« (http://de.wikipedia.org/wiki/Hacker)

Ziviler Ungehorsam

Ein Hacker, der politisch motiviert ist, wird als Hacktivist bezeichnet. Der Begriff »Hacktivist« ist aus den beiden Wörtern »Aktivist« und »Hacker« hervorgegangen. Ein Hacktivist bedient sich des zivilen Ungehorsams; sein politisches Engagement resultiert aus virtuellen Aktionen oder Straßenprotesten.

Die digitale Transformation

In meinem Interview mit dem ehemaligen Pressesprecher des Chaos Computer Club diskutierten wir darüber, wie man sich virtuelle Widerstandsformen vorstellen kann. Im digitalen Zeitalter scheint es nicht mehr auszureichen, in physischer Form Protest auszuüben. Zum realen Körper tritt der Databody, der virtuelle Körper, dessen Datenspuren den digitalen Raum markieren. Da auch das das Monetäre und Politische die Form des Digitalen annehmen, werden Waren und Werte nicht mehr nur analog distribuiert, sondern tauschökonomisch ins Digitale transformiert. Um diese Ströme umzulenken oder kurzzzeitig außer Gefecht zu setzen, muss sich der Aktivist unweigerlich mit der technischen Basis der Informationsökonomie auseinandersetzen, dessen Gesetze in Codierungen eingebettet sind.

Am Anfang war der der Maschinenstürmer

Zunächst sprachen wir über die Maschinenstürmer, die zu Beginn der Industrialisierungsepoche noch versuchten, die Vollautomatisierung von Arbeitsprozessen durch das Zerschlagen von Maschinen aufzuhalten. Die allgemeine Computerisierung hat dazu geführt, dass eine solche Art von Protest allenfalls noch als symbolischer Akt betrachtet werden kann. Man könnte den Maschinenstürmer als böses Alter Ego, als zweite destruktive Hälfte des Hackers auffassen. Ist dem Hacker die Liebe zur Maschine eigen, so zerstört der Maschinenstürmer sie im Umkehrschluss. Es existieren aber auch moderne Formen der Maschinenstürmerei, etwa das schlaffe Luditentum (Vgl. Critical Art Ensemble). Hierbei handelt es sich um eine Spezies von Stürmern, denen längst klar geworden ist, dass das Digitale nicht mehr aufzuhalten ist. Die schlaffen Maschinenstürmer leisten dadurch Protest, dass sie sich, soweit es geht, der Arbeit vor dem Rechner entziehen oder sich andersweitig zerstreuen.

Die Phänomenologie des Streikens

Als ich Jens Ohlig interviewte, dachte ich noch an eine andere historische Analogie. Hacker werden häufig mit Script Kiddies oder destruktiven Aktivisten verwechselt, denen es nur darum geht, den digitalen Müllberg anderer User zu vermehren oder ihnen systematisch Schaden zuzufügen. Politisch könnte man die Figur des Partisanen, der hinterrücks operiert, aber dennoch nach bestimmten politischen Maximen handelt, mit einem Hacktivisten vergleichen, der Widerstand leistet, aber einer Ethik folgt: u.a. den Zugang zu Computern universell einzufordern, oder das Leben durch Computer zum Besseren zu verändern.

Jens Ohlig betrachtete diesen Vergleich als unhaltbar, auch wenn er zunächst interessant anmutet. Am Ende blieb aber dennoch die Frage offen, wie es in Zukunft möglich sein wird, virtuell Widertand zu leisten bzw. virtuelle Streikformen so zu betreiben, dass sie den realen in ihrer Bedeutung in nichts nachstehen könnten. Wie kann man virtuell streiken und welche ungeahnten, verborgenen politischen Möglichkeiten ergeben sich dadurch? Eins scheint jedenfalls mittlerweile klar geworden zu sein: das Analoge und Digitale muss in einer Synthese radikal überdacht werden; hier könnte von einer Phänomenologie des Streikens gesprochen werden, die den Körper und die digitalen Ströme im Politischen, im Ereignis, zusammenführen. In diesem Hybridraum müssen Codes nicht zerstört werden, sondern im kreativen Sinne re-codiert werden.

Biographie

Jens Ohlig ist seit etlichen Jahren Mitglied des Chaos Computer Club und war von 2000 bis 2002 im Vorstand als Sprecher des Vereins tätig. Er arbeitet als Softwareentwickler in Köln und lebt in Bonn, wo er Koreanisch und Englisch studiert hat. Seine Interessen liegen in den Schnittpunkten von Technik, Gesellschaft, Politik und Kultur.

Andreas Grueter

2006-08-22 09:31:02 Uhr

Wie verhält es sich mit einer Mode, die mehr sein will als reine Produktoberfläche? Von besonderen Stoffen, Accessoires und Anekdoten. Ein Gespräch zwischen dem Modejournalisten Andreas Grüter und dem Theoretiker Marcus Klug.

Kill my brand!

Re-Intellektualisierung in der Modewelt

Die 80iger Jahre waren das Jahrzehnt des schlechten Geschmacks. Männer und Frauen in Jogginganzügen, Goldketten, grellen Farben und hochtoupierten Frisuren verpackt. Hinzu gesellte sich die fast schon rüherende Anbetung des Geldes, wie es bei Sybille Berg heißt, bevor in den 90iger Jahren der globale Wahn an den Börsen ausbrach.

Mode und Mord

Kein anderer hat diesen Wahn so abstoßend und nihilistisch in Szene gesetzt wie Bret Easton Ellis mit seinem Roman “American Psycho”. Die Hauptfigur - Bateman - mordet, foltert; mal mit Messer und Tränengas, mal mit einem Bolzenschußgerät. Im selben Roman wird auch ein illustrer Einblick in die Modewelt seines Protagonisten gewährt. Ellis zählt auf, was zu damaliger Zeit in New York gerade hip war: Prada, Gucci, Louis Vuton. So kann man sich vorstellen, wie Bateman ganz in Prada eingehüllt, seine blutdurchtränkte Bettwäsche in der nächsten Wäscherei abgibt.

Jahrzehnt der Hülle

Der Roman von Ellis offeriert eine ungeahnte dekonstruktivistische Lektüremöglichkeit. Das reine Aufzählen von Markennamen, die augenbetäubende literarische Wiederholung kann in einem Atemzug mit den mörderischen Exzessen Batemans´ gleichgesetzt werden. Dadurch verschwindet das Eigentümliche der Mode in der gewaltsam-quantifizierten sprachlichen Oberfläche. So bleibt die Frage offen, welche Strategien existieren, auslaufenden Identifikations- und Bedeutungsmuster, Qualitätsansprüche entgegenzustellen, die das austauschbare Dasein für ein potentielles subjektives Werden sensibilisieren. Was kommt also nach den 90iger Jahren, dem »Jahrzehnt der Schönheitschirurgie, der Hülle, der Leere. Aufräumen zum Neubeginn?« (Sibylle Berg) - mit Qualität?

Auslaufende Nihilisten-Rillen

Klingt alles wie ein Anti-Playdoyer. Klingt danach, sich in den Keller zu verkriechen und nicht mehr rauskommen zu wollen. Da könnte man auch gleich die Endlosrille einer Fatalismus-Dancemaxi durchlaufen lassen.

Anmutungscharakter

Versuchen wir es einmal anders. Hören wir einfach damit auf, der Mode-Welt vor lauter Zynimus den Laufpaß geben zu wollen. Hören wir auf, uns immer wieder solche gräßlichen Sätze wie »Geiz ist geil« zu vergegenwärtigen. Plötzlich stehen wir nicht mehr in der Einkaufsschlange bei H&M oder Aldi und reden über die Arbeitslosigkeit, das schlechte Wetter und den Esprit von Billigprodukten. Vielleicht kennen wir sogar den Unterschied zwischen preiswert und billig, qualitativ, luxuriös und dekadent. Die Helden unser Geschichte sind jene unerschütterlichen Geister, die sich nicht nur für die Oberfläche einer Sache begeistern können, sondern das spielerische Zusammenspiel verschiedener Elemente zu schätzen wissen und dessen Anmutungscharakter. Anmutung - ein wunderbares Wort. Möglicherweise könnte man es synonym für Qualität verwenden. Der besondere Stoff, die Stickerei, das Spiel der Farben und Kontraste, das Verhältnis zwischen Form und Funktion.

Das Glamouröse am Butterbrottschmieren

Und so sprach ich mit dem Modejournalisten Andreas Grüter über die Reintellektualisierung in der Mode. Kein Anti-Playdoyer, sondern eines für mehr Zeit, Qualität, Stilbewußtsein und Detailverliebtheit. Das Glamouröse in den Alltag transportiert. Der neugierige Hedonist, der zum Modedesigner nach Brüssel fährt, um dort gefragt zu werden, ob er ein Butterbrot geschmiert bekommen will. Mit Käse, bitte!

Biographie

geb. 1966 in Essen, durchlief in seiner Jugend weder Discokarriere noch Hippiesozialisation, sondern fing sofort mit Punk an. Parallel zur Suche nach obskuren US-Hardcore 7"s und perfekten Skatespots erste Veröffentlichungen im Fanzinedschungel. Nach der Schule dann unerwartete Kollision mit einem verhassten BWL-Studium und die kopflose Flucht in den Musikunderground, der sich jedoch weder als Labelmitbetreiber noch als Konzertveranstalter, Covergrafiker oder Magazinherausgeber so richtig retten ließ. Stolperte irgendwann durch seine damalige Freundin und einen Schreibjob für ein Stadtmagazin eher zufällig über das Thema Mode und biss sich fest. Seit 2000 Wahlkölner und als Redakteur beim j'n'c Magazin für Kontextarbeit zwischen Streetwear, Boardsport, Musik, Grafik und inhaltsschwangeren (Scene)politics verantwortlich. Als heilloser Idealist und vehementer Stildiktator neben konstanten Rückfällen in die Fanzinekultur (Die wilden, bösen Tanten, Banditenkönigin, Lecker, Smokin' Shutdown,...) und Arbeiten für u.a. Intro und Dazed & Confused, auch als DJ und Sänger kurzlebiger 1-2-3-4 Garagenprojekte unterwegs. Derzeitiges Lebensmotto: We don't play, we riot!