2006-02-12 18:35:02 Uhr
Mit »Second Order Televison« ist eine Fernsehvision bezeichnet, die das »Dispositiv« Fernsehen verlässt und sich stattdessen auf eine experimentelle Medienpraxis einlässt, in der das Objektivierende und Kontrollierende hinter sich gelassen wird.
»Second Order Television«
(Codierter) Widertstand auf zweiter Ebene
Programme und Fernsehen unterliegen Regel- und Kontrollmechanismen, sie sind »Dispositive«. Ihre Autonomie hängt davon ab, in welchen institutionellen, systemischen und ökonomischen Rahmenbedingungen sie sich bewegen. Nur selten kommt es vor, dass einzelne Formate dieser übergreifenden Logik ein Zwölftonschnippchen schlagen. Ein Beispiel dafür wäre »Kluges Fernsehen«, das seine programmatische Unabhängigkeit einer Gesetzeslücke verdankt.
Als RTL 1988 zum ersten Mal sein Programm über Kabel ausstrahlte, nutzte Alexander Kluge eine Klausel des nordrhein-westfälischen Mediengesetzes, um sein Kulturprogramm ohne Quotenerwartung auszustrahlen, was den damaligen RTL-Chef Helmut Thoma dazu veranlasste, seine Fernsehvision als »Zwölftonmusik im Zirkus« zu bezeichnen. (Vgl.: Aus dem Vorwort zu Kluges Fernsehen, in: Kluges Fernsehen. Alexander Kluges Kulturmagazine. Frankfurt 2002, S. 8) Kluge hat damit etwas errreicht, was sich auch im Kulturterrain der privaten- und öffentlichen Sendeanstalten nur selten verwirklichen lässt. Gezeigt und gesendet wird nicht das, was Einschaltquoten bringt und Sensationslust befriedigt, sondern Zuschauergehirne in gebrochenen Diskursanlagen zum Turnen bringt. Da wird geredet über Artistik, Philosophie, Astrologie, Physiognomik, Rechtswissenschaften und Musiktheorie; da wird ein reger seismographischer Schalk betrieben, und, erstaunlicherweise gelegentlich mit solchen Formaten an der eine Millionen-Zuschauer-Grenze gekratzt.
Um Kluges Interviews inhaltlich verfolgen zu können, bedarf es Konzentration, Wissensbegierde, kindlicher Neugierde und hemmungsloser Assoziationsbereitschaft. Dinge, die im herkömmlichen Fernsehbetrieb nicht unbedingt auf der Tagesordung stehen.
Das Tor öffnen zu einem zweiten Kontinent
Wenn wir seine Fernsehvision auf ein Medium imaginieren, das in Zukunft, im Vergleich zum konventionellen Fernsehbetrieb, Produktion, Theorie und Rezeption vereint, müssen nur noch die geeigneten Formate und Inhalte her, die eine solche Vision mit hypermedialem Fleisch bestücken. Wir nennen das »Second Order Televison«, Fernsehen auf zweiter Ebene. Wir stellen uns dabei eine Kopplung aus Medieninformatik, Theorie und kultureller Praxis vor. »Second Order Televison« verweist auf ein Web-TV-Format, das sich innerhalb von computergestützten, objektgenerierten Umwelten bewegt. Neben Web-TV können bei einer solchen mehrdimensionalen Kommunikationsplattform auch podcast-gestützte Formate integriert werden, etwa Radiosendungen oder experimentelle Musiksequenzen.
Im Gegensatz zu Fernsehen der klassischen Art ermöglichen es solche mehrdimensionalen Plattformen, Formate über verschiedene Distributionswege zu streuen (u. a. kabellose Netze, Handys) und je nach Einschränkungsgrad - per Creative Commons License - »frei« zur Verfügung zu stellen.
Der Analogie-Schluss: Kontrolle und Kontingenz
Während in der Kybernetik erster Ordnung der Fokus auf Kontrolle und Objektivierung gelegt wird, geht es in der Kybernetik zweiter Ordnung darum, den objektivierenden und kontrollierenden Bereich hinter sich zu lassen. Heinz von Foerster hat während der legendären Macy Conferences, an der Wissenschaftler aus den Bereichen Psychologie, Sozialwissenschaften, Informatik und Informationstheorie teilnahmen, u. a. Gregory Bateson, Nobert Wiener und John von Neumann, die Ergebnisse dieser interdizisziplinären, kybernetischen Konferenzen protokolliert. Während seines Forschungsaufenthaltes in den USA entwickelte er eine Ethik, in der Fragen der Kontrolle und Objektivierung hinterfragt wurden.
Bereits in den dreiziger und vierziger Jahre des 20. Jahrhunderts wurden erste Forschungen angestellt, das menschliche Gehirn mit einer Rechenmaschine zu vergleichen. John von Neumann kam später zu dem Ergebnis, dass sich die Operationslogik eines menschlichen Gehirns nur bedingt mit der einer Maschinen vergleichen lässt. (Vgl.: John von Neumann: The Computer and the Brain, New Haven, 1958) In der Kybernetik erster Ordnung geht es um das Wechselverhältnis zwischen Kontrolle, Informationsökonomie und Feed-Back-Mechanismen; Systeme werden auf ihre Operationalisierung überprüft.
Mit dem Aufkommen der Kybernetik zweiter Ordnung, spätestens nach dem zweiten Weltkrieg, wird die Beobachtung und Operationalisierung solcher Systeme erweitert. Wie können Rechenoperationen, die von Computern ausgeführt werden, auf zweiter Ebene zu einem höheren Prinzip selbstorganisierender Cluster verschaltet werden? Beobachtung zweiter Ordnung setzt die Beobachtung erster Ebene voraus; es wird mit ihr (weiter)gerechnet und auf zweiter Ebene die Rekursion vorbereitet.
Genau an diesem Knotenpunkt existiert für mich der Analogie-Schluss: Wie kann ich den Beobachter beobachten, der bereits selbst auf erster Ebene seinen Beobachtungsraum markiert hat? Und wie kann ich mir dieses Prinzip auf zweiter Ebene zu Nutze machen, wenn auch die Beobachtung zweiter Ebene eine Markierung voraussetzt? Ist auf dieser Ebene nicht forciert mit Unlösbarkeit, Kontingenz und Rauschen zu rechnen? Und muss dieses Wissen, das Kontingenz voraussetzt, nicht produktionsästhetisch berücksichtigt werden, wenn wir den Sprung von der historischen Situation der Kybernetik in heutige kulturelle Praktiken wagen? Was könnte in dieser Hinsicht die Idee von »Second Order Televison«/ sein, die in der Lücke von Kontingenz und Kontrolle ihr Potential ausschöpfen könnte?
An der Schwelle zur Produktion
Zunächst gestaltet und programmiert man eine Kommunikationsplattform, in der verschiedene Formate, Gestaltungsoberflächen und Rechenoperationen abgekoppelt voneinander entwickelt werden können, bevor sie wieder zusammengeführt werden. Die Theorie dient dazu, diese Ströme anhand unterschiedlicher Theoreme zu kommentieren; sie aber auch in den einzelnen Formaten erneut zu problematisieren.
Im Falle eines Formates wie »Second Order Televison« reicht es nicht aus, Interviewreihen mit Künstlern, Designern und Professoren zu produzieren und diese frei zur Verfügung zu stellen. Die Transferleistung, der Übergang von der ersten zur zweiten Ordung wird erst dadurch vollzogen, dass theoretische Erkenntnisse in den einzelnen Web-TV-Sendungen auf ihren Wahrheitswert untersucht werden. Schon zu Beginn wird hierbei die Produktion an die Theoretisierung lose gekoppelt und beides im Format selbst thematisiert/reflektiert. Die Rekursion ergibt sich auf zweiter Ebene, wenn alle bis dato produzierten Formate durch eine Adaption, eine Neu-Bearbeitung, einen Remix in andere Sinnzusammenhänge überführt werden.
Codierter Widerstand
Konventionelles Fernsehprogramm lässt weder ästhetische Interventionen zu, noch verändert sich seine Codierung durch Rückkoppelungseffekte auf zweiter Ebene. Der Sendbetrieb lässt sich mit der Kybernetik erster Ordnung vergleichen, in der es darum geht, das Verhalten und die Gewohnheiten der Zuschauer/Konsumenten anhand von Statistiken und Einschaltquoten zu bewerten. Kulturprogramme erfüllen dabei zumeist eine Alibibifunktion oder dienen einer exklusiveren Imagebildung; in den seltesten Fällen aber der Intention, Aufklärung und ästhetischen Widerstand zu leisten.
Web-TV ist dagegen ein Format, das dezentral gestreut und distribuiert werden kann. Je nachdem welche Rechte die User einer Kommunikationsplattform besitzen, können sie ästhetische Prozesse durch ihre Anteilnahme und Interaktion beeinflussen. »Second Order Television« will dabei die Funktion konventioneller Fernsehdispositive verlassen, indem das Bewegbild als ein produktiver Strom von einem ganzen heterogenen Bündel von digitalen Strömen betrachtet werden soll. Dabei werden seine Inhalte frei zur Verfügung gestellt, damit sie von anderen Aktivisten, Kreativen und Medienkünstlern bearbeitet werden können. Diese Praxis könnte auf eine Kybernetik höherer Ordnung verweisen, in der das Kontrollierende und Objektivierende zugunsten einer experimentellen Praxis, einer offenen und mit dem Unlösbaren rechnenden Wissenschaft hinter sich gelassen wird.

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