2006-02-12 18:35:02 Uhr
»Hermkognesie« ist ein weiteres »Hactivist«-Format. Kann man alles, was man bereits theoretisch erzählt hat, auch noch anders interpretieren, parallelpoetisch erfassen? Bei »Hermkognesie« geht es um Hörbeiträge, die auf einer improvisierten Rede oder einem mündlichen Vortrag beruhen und sich dabei an nicht-wissenschaftliche Erzählformen orientieren: Briefe, Dialoge, Epigramme, Essays etc. All diese »Poesieremixe« werden in Zukunft über verschiedene Kanäle in Podcast-Form gestreut und »frei« zu Verfügung gestellt …
»Hermkognesie«
Auditive Versuche einer poetischen Interpretation von Theorie
Wenn Formate erfunden werden, wird eifrig darüber diskutiert, wer als Autor adressiert werden könnte. Da wir noch eine kleine Gemeinschaft sind, verwirrt manchmal die Aufteilung in ein »wir« und ein »ich«. Solange ich mich nicht mit einer anderen Person ausgetauscht habe, fällt es nicht sonderlich leicht dem Kerker der Intersubjektivität zu entkommen; man übt sich voerst darin, ein imaginäres »wir« ans Laufen zu bringen. Jede Idee, von der ich annehme, dass sie auf meine gedankliche Reflexion zurückgeht, ist bereits von anderen beeinflußt.
Irgendwann weiß man nicht mehr, ob man nun von einem »wir« oder einem »ich« sprechen soll, wenn Autorenschaft als »tot« betrachtet wird und die subjektive Perspektive in den Hintergrund rücken soll. Ich bin aber dennoch der Meinung, dass unser neues Format - »Hermkognesie« - vor allem zur Eigen-Reflexion einladen soll. Egal, welcher existentieller Besserwisser, Egosoph oder Schizoliterat dort draußen existiert; hier werden Theorie-Egomanen dazu eingeladen, Gedankenblitze oder Geistesimprovisationen als Audio-Format zu hinterlegen. Deshalb muss ich an dieser Stelle entschuldigen, dass ich bei »Hermkognesie« erst einmal an mich selbst gedacht habe oder an die tausend Stimmen in meinem Kopf, die mir arges Kopfschmerzen bereiten. Wenn dann plötzlich der eigen verfasste Text oder die improvisierte Rede von einem literarischen Mehrstimmenkanon übertont wird, wenn ein Dichter sich mit einem Wissenschaftler und Musiker austauscht, erst dann wird die Egosophie auf heitere Art in sich gebrochen. Hier und jetzt in »Hermkognesie«.
Kognition + Hermaphrodite + Poesie = Hermkognesie
»Ich denke manchmal, es fehlt uns nicht an gelehrter Prosa, sondern an gelehrter Poesie (…) Die so unzulänglichen Versuche einer politischen Interpretation der ›eigentlichen‹ Aussagen von Theorien zeigen diesen Bedarf nach einer Zweitfassung an, ohne ihn angemessen befriedigen zu können. Vielleicht sollte es statt dessen für anspruchsvolle Theorieleistungen eine Art Parallelpoesie geben, die alles noch einmal anders sagt und damit die Wissenschaftssprache in die Grenzen ihres Funktionssystems zurückweist.« (1)
Die Kognition. Bewegt sich ihr Zentrum nicht um den Kern eines Geistes herum, der das Sinnliche, das Dionysische aus seinen Reflexionen ausschließt? Was verbirgt sich im Jenseits seiner Geschlossenheit? Ist die Geschlossenheit der Kognition nicht eine Grenze unter anderen? Ist es möglich, die gelehrte Prosa, die anspruchsvolle Theorieleistung - in einer Zweitfassung - an das Jenseits ihrer Geschlossenheit anzudocken? Was wäre diese noch unerforschte, unbekannte Welt? Ein Reich aus lauter Switterwesen, eine im Hermaphroditischen aufgesprengte Fuge, wenn diese kontrapunktische, streng durchkomponierte Geistessatzart plötzlich poetisch aufgeteilt wird?
Hermaphrodite. Zwitterblüte, Zwitterwesen, Zwitterding. Die Hermaphroditen repräsentieren kein eindeutig bestimmbares Geschlecht; sie liquidieren das Prinzip der Repräsentation in einem dritten Geschlecht, das weder männlich noch weiblich zu kennen scheint. Eine Kognition, die an das Jenseits ihres Zentrums anklopft, verschiebt ihr Zentrum in das Reich der Nicht-Repräsentation; sie gebiert ein Zeichen, das seinerseits aus seiner Aufteilung geboren wird.
Die Poesie. Ihre Gestalt hat sich im Laufe der Zeit verändert. Vielleicht unterlag ihre Kraft den Einflüsterungsversuchen ihres wesensähnlichen Zwillings, der Literatur. Oder präziser ausgedrückt: die Literatur lag ihr sehr nah; sie war nicht so weit entfernt wie die Wissenschaft, deren strenges Spiel ihr zuwenig auf den Wahrnehmenden beruhte. Dinge, die schwerlich in Worte zu fassen sind, so klein, unscheinbar und zart. Eine gewisse Verrätselung des Alltags ist ihr zu verdanken. Künstler wie die Surrealisten entdeckten sie für sich, um in Bilderreigen einen »Alltag« auf der Leinwand zu bannen, der sich nicht vollkommen enträtseln lassen lässt, der sein Augenmerk, wie seine mysteriöse Schwester, auf das schier Undeutbare legte.
Hermkognesie
Die Bildung eines Synthese, von der man nicht sagen kann, von wo aus ihre Stimme spricht. Unter gelehrter Poesie verstehe ich den Versuch, das Unsagbare, das Nicht-Erschließbare einer Theorie in der Zweitfassung hermaphroditisch auszufüllen; die gelehrte Prosa oder die rationale Ausrichtung einer Philosophie an der Grenze ihres Zentrums neu zu bestimmen; ihr gewissermaßen eine experimentelle erzählerische Stimme einzuverleiben.
Diese Stimme kann sich vom spekulativen Denken inspirieren lassen, eine Zukunft in narrativer Form entwerfen, die noch den Hauch einer Unfertigkeit einatmet, den Hauch eines utopischen poetischen Projektes oder einer kurzen, sanften Form. Hermaphroditisch gesprochen: eine Erzählung, die noch nicht auf ein bestimmtes Merkmal oder Geschlecht reduziert werden kann, aber dennoch Phänomene beschreibt, die den Gegenständen der wissenschaftlichen Theorie nicht so weit entlegen sind, wie man anhand ihrer Erzählungen vermuten mag, »eine kurze, sanfte Form: weder der feierliche Ton der Maxime, noch die scharfe Trennung des Epigramms; etwas, das an das japanische Haiku, die joyceschen Epiphanien, den Tagebucheintrag erinnern soll.« (2) Oder etwas, das sich zwischen wissenschaftlicher Strenge und schöpferischer Freiheit bewegt. Hier denke ich an den großen polnischen Erzähler Stanislaw Lem, für den die systemischen Erzählungen der Philosophie bereits an ihr Ende angekommen sind.
Aus dieser Krise der großen Erzählungen schöpfte er die Vorstellung einer noch nicht gedachten Wissenschaft – Science Fiction. In seinem großartigen Buch »Dialoge« versuchte er die sokratischen Dialoge unter dem Einfluss der Kybernetik in einer phantastischen Erzählweise aufzuarbeiten.
In letzter Zeit hat mich neben Lem und Barthes ein Buch von Dietmar Dath in den Bann gezogen: »Die salzweißen Augen«. In vierzehn Briefen erzählt Dath die Geschichte von David, der eine angebetene Mitschülerin von einst seine Erinnerungen an die damalige Zeit in einer hermaphroditischen Brief-Erzählung schildert, in der er Sonja seine Faszination für Drastik theoretisch vermittelt und dabei die Versprechungen der Moderne in der radikalen Entlarvung liquidiert, um wieder neue utopische Orte zu schaffen.
Zuletzt, in Anlehnung an die Surrealisten, begreife ich die »Hermkognesie« als narratives Experiment, in dem nicht nur Gedanken in schriftlicher Form entwickelt werden, sondern die Passagen aus einem Text oder einem Buch in eine improvisierte Rede übertragen werden sollen, ähnlich einer Leinwand oder Collage, in der das impulsive Spiel der Farben und Impressionen einen parallelpoetischen Raum betritt.
Sobald man seine Ideen vorträgt, unterliegt man auch der Logik der »Informationsökonomie«. Ich frage mich schon seit geraumer Zeit, ob man dieses Dilemma umgehen kann. Im besten Falle führt der mündliche Vortrag, wenn er mehr sein soll als die Verdoppelung eines bereits verfassten Textes, in die Audio-Vision eines anderen Realitäts-Kontaktes. Aber auch nur dann, wenn das Wagnis der Improvisation freimütig riskiert wird. Ein illustres Beispiel dafür ist der Supposé Verlag in Köln, der theoretische Hörbücher veröffentlicht. Über einen Hörbeitrag von Klaus Theweleit zum »RAF-Gespenst« heißt es dort: »Ein Vergleich dieser CD-Fassung mit der gedruckten Version des Vortrags ist hochinteressant. Der akustische Theweleit spricht viel freimütiger über die eigene Jugend und die Erinnerungen aus der 68er-Zeit. Es scheint, als ob durch die Originaltonaufnahme der Mensch hervortritt, den die Verschriftlichung zugunsten des Kunstprodukts 'Autor' verschwinden macht...« (3)
Literatur
- (1) Niklas Luhmann: Short Cuts, Frankfurt 2000, S. 5.
- (2) Roland Barthes: Chronik, Berlin 2003, S. 61.
- (3) Kritik vom Deutschlandfunk: ein Vergleich zwischen Buch-Veröffentlichung und Supposé-Hörbeitrag. Vgl.: Klaus Theweleit: Das Raf-Gespenst (2-CD-Set), http://www.suppose.de/programm.html.

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