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2006-09-24 18:56:02 Uhr

hactivist.tv

aktive Mitglieder

2006-09-11 12:03:42 Uhr

Das Projekt hactivist.tv will ein experimentelles Feld schaffen, in dem der kontemporäre Umgang mit »Information« auf verschiedenen Ebenen thematisiert werden soll. Experimentell ist so zu verstehen, dass die faktische Funktionalität von hactivist.tv (HTV) sich erst mit der praktischen Nutzung zeigen wird. Dazu ist es notwendig - im Vorfeld - den Begriff Information und deren Umgang in der Gesellschaft zu untersuchen. hactivist.tv versucht diese Situation in einem eigenen systemischen Ansatz aufzuschlüsseln und von ihrem konkreten Inhalt zu lösen.

hactivist.tv

Projektbeschreibung

1. Fokus


1.1 Vorüberlegung: Medienzeitalter und Informationsgesellschaft

Das so genannte Medienzeitalter (1) enttarnt sich zumeist als sinnleerer Begriff, als semantisch redundant, da Kommunikation sich immer über Medien vollzieht und jedes Zeitalter seine Medien hatte.

Der zeitgenössische Gebrauch des Begriffs meint also eine bestimmte Form von Medien, nämlich gemeinhin die digitalen, und impliziert gleichzeitig eine bestimmte Dominanz ihrer Präsenz; die Informationsgesellschaft (2) wird zwar ständig ausgerufen, jedoch erscheint auch der Gegenwert dieses Begriffes oft wenig gehaltvoll zu sein.
Die Masse an vermeintlicher Information wird zunehmens größer, während die sinnvolle Nutzbarkeit selbiger oft in gleichem Maße zu schwinden scheint. Es wird von einer Informationsüberflutung (Information Overload (3)) gesprochen, die tendenziell allein die verfügbaren Daten zu einem unentzifferbaren Rauschen verschmelzen lässt. Dabei entsteht oft ein Überangebot an Daten, aus dem relevante Information aber immer schwieriger zu extrahieren ist.

1.2 Ziel

Das Projekt hactivist.tv will ein experimentelles Feld schaffen, in dem der kontemporäre Umgang mit Information auf verschiedenen Ebenen thematisiert werden soll:

  1. Als konzeptuelle Fragestellung nach der Entwicklung einer internet-basierten Plattform zur Informationsdistribution
  2. Als Bereitstellung verschiedener Informationskanäle (Distributionskanäle)
  3. Als offener, experimenteller Ansatz für die Nutzung der Distributionskanäle

1.3 Arbeitsfeld Information

Die Überkategorie des Beschäftigungsfeldes von hactivist.tv bildet somit der Begriff Information bzw. die Frage nach neuen Möglichkeiten im Umgang mit Information.

1.3.1 Definiton von Information

Eine Definition der Begriffe, die dem Projekt implizit sind, ist in jedem Fall essentiell. Deswegen soll im nachfolgenden der Versuch einer Umrahmung des Begriffes Information unternommen werden sowie eine Gegenüberstellung zu anderen Begriffen aus dem Arbeitsfeld stattfinden.

Dabei bleibt zu beachten, dass hier keinesfalls ein Anspruch auf Vollständigkeit erhoben werden und auch die historische Tradition des Informationsbegriffes nur umrissen werden kann. Die Definition versucht das Feld um den Begriff Information hinsichtlich des Projektes hactivist.tv zu analysieren; der Informationsbegriff wurde als begriffliches Substrat bezüglich des medialen Umgangs mit Daten gewählt.

Versuch einer funktionalen Definition von Information:

  • Information ist ein abstrakter Ausdruck, dessen Gegenwert sich aus den Faktoren Wissensstand (Kompetenz) des jeweiligen Informations-Rezipienten/ -Benutzer (User) und den Daten, welche die Information darstellen, begründet.
  • Information soll hier als eine Auswahl von Daten durch einen Benutzer/Betrachter definiert werden.

Information und Daten

Information ist in diesem Sinne als ein relativer Begriff aufzufassen (relativ in Bezug auf den Benutzer der jeweiligen Information), im Gegensatz zum Begriff Daten (4) (lat. Datum/Data: das Gegebene/die gegebenen Dinge), welcher vorhandene Dinge bezeichnet (Daten können alles umfassen, alle wahrnehmbaren Dinge der Welt können als Daten behandelt werden).

Daten und Sinn

Daten bezeichnet dabei formal alles, was der menschliche kognitive Apparat (potenziell) erfassen kann, während Information schon verstärkt den inhaltlich sinnhaften Aspekt beinhaltet.

Information und Bedeutung

Die Bedeutung einer Information ist an den jeweils wahrnehmenden Betrachter und dessen Vorwissen um den Kontext der Information gebunden.
Ohne einen Betrachter/Benutzer ist eine Information bedeutungslos.

Information und Wissen

Information ist nicht mit Wissen gleichzusetzen, obwohl die Nutzbarkeit einer Information vom (Vor-) Wissen des jeweiligen Users abhängt.

Information und Informations-Austausch

Die vorangestellten Überlegungen zum Thema Information sollen als theoretische Hintergrundfolie für das Anwendungsfeld dienen.

1.3.2 Umgang mit Information

Wir betrachten Information nicht als bereits ausgewählte Teilmenge eines Ganzen, sondern sind davon überzeugt, dass die Generierung von Information nur - im Vorfeld - ungefiltert sinnvoll ist. Nur auf dieser Basis kann im Folgeschritt Information Retrieval (5) bzw. Collaborative Filtering (6) sinnvoll angewendet werden.

Eine Möglichkeit des Collaborative Filtering am Beispiel des Distributionskanal Website: (Vergrößern | PDF | Quellcode)

Collaborative Filtering am Beispiel des Distributionskanal

1.4 Begriffserklärung hactivist.tv (HTV)

hactivist.tv kombiniert zwei Begriffe, nämlich Hactivismus und Television – wobei sich Hactivismus aus (engl.) »Hacking« und »Activism« zusammensetzt.
Die begriffliche Verbindung von »Hacking« (7) (das fälschlicherweise als Metapher für digitale Technik oder für Technik allgemein benutzt wird), und "Activism", also Aktivismus (8), steht für die angestrebte substanzielle Verbindung von technischen Ressourcen und deren aktive Nutzung. Das Suffix »tv« versinnbildlicht hierbei den Informationsprozess von der rezeptiven Seite her.

2. Verdichtung

hactivist.tv stellt als Ausgangsbasis verschiedene Informationskanäle (Distributionskanäle) zur Verfügung wie z. B. IRC(9), Usenet (10), World Wide Web (11).
hactivist.tv strebt eine maximale Autonomie der Distribution von Information an, indem Information über verschiedene voneinander unabhängig Kanäle und durch verschiedene Individuen (Ziel: Irrelevanz der Kanäle) gestreut werden.

Einflüsse auf die Kanäle (Vergrößern | PDF | Quellcode)

Einfluesse auf die Kanaele

2.1 Technisches Feld

Angelehnt an ein Modell aus der Informatik (Three-Tier Architektur (12)) soll eine Startauswahl an Medien u. a. auf ihr informationsdynamisches Potential untersucht werden. Dabei sollen nach Möglichkeit die drei Schichten (siehe Grafik) so implementiert werden, dass durch die Strukturierung der Rohdaten durch die Logikschicht auf der Präsentationsschicht eine Filtermöglichkeit entsteht, die es ermöglicht die Daten zur Informationsgewinngung beliebig oft zu restrukturieren.

Die Einbindung einer Logikschicht soll eine höchstmögliche Felxibillität der Benutzung ermöglichen, welche tendeziell in Echzeit geschehen kann, angepasst an die Ansprüche des jeweiligen Users.

Three-Tier Architektur (Vergrößern)

Three-Tier Architektur

2.2 Soziales Feld

Es sollen verschiedene Sender-Empfänger (13) Verhältnisse (siehe Grafik) in Bezug auf den Informationsfluss Berücksichtigung finden. Dabei geht es nicht darum bestimmte Verhältnisse zu präferieren, sondern die Bandbreite des sozialen Feldes adaptiv zu nutzen, um durch die Vielfalt der Sender-Empfänger Möglichkeiten Reibungsverluste im Umgang mit der Distribution von Information gering zu halten, so dass die Möglichkeiten den Bedürfnissen der User angepasst werden können und nicht umgekehrt.

Wirkungsmechanismus (Vergrößern)

Wirkungsmechanismus

2.3 Schnittstellen

Technisches und soziales Feld sind in der Praxis immer miteinander verwoben und können letzlich nur theoretisch voneinander getrennt werden. Deshalb müssen bestimmte Aspekte gesondert vor dem Hintergrund beider Felder betrachtet werden.

2.3.1 Interaktivität

Die Art der Nutzung von Medien hängt unmittelbar mit den durch ihre technische Beschaffenheit bedingten Möglichkeiten zusammen. Die digitale Technik hat bislang schon zahlreiche Tools (Programme, Anwendungen) zur Verfügung gestellt, die es dem User erlauben verschiedene Parameter, wie Arbeitsoberfläche oder Arbeitsalgorithmen etc., seinen Bedürfnissen flexibel anzupassen und so in seinem Arbeitsfeld zu »interagieren«.

Vor dieser Prämisse sucht HTV den Raum zischen Medium und User über den Faktor Interaktivität abzutasten.

Für einen experimentellen Umgang mit Information scheint es sinnvoll, einen besonderen Fokus auf die Möglichkeiten gerade für interaktive Nutzung von Medien zu setzten, um neue Wege und Chancen aufzuzeigen und ausarbeiten zu können.

Dieser Fokus soll konzeptuell den Ausführungen von hactivist.tv als Korrektiv dienen. Er soll vor allem Überlegungen über die Rezeption, den Austausch und der Bearbeitung von Information durch mehrere User beinhalten.

2.3.2 Hypermedien

Hypermedien scheinen ein geeignetes Mittel den Überlegungen zur Interaktivität eine praktische Umsetzung widerfahren zu lassen, durch das Verknüpfen verschiedener Medien und die tendenziell offene Vernetzbarkeit digitaler Anwendungen (Programme) eröffnen sie ein weites Feld, welches es ermöglicht Information durch non-lineare Zugriffsmöglichkeiten auf verschiedenen Ebenen zu bearbeiten und so die Flexibilität im Umgang mit Information zu maximieren.

Hypermedien ermöglichen es vor allem den Reibungsverlust des analogen Umgangs mit Information (z. B. das Fotokopieren von Buchseiten etc.) zu verringern und die Effizienz durch den dezentralen Zugriff von mehreren Usern potenziell zu steigern.

Zudem erscheint der Aspekt der dezentralen Zugreifbarkeit durch mehrere User nicht allein hinsichtlich der Interaktivität ausgeschöpft. Ähnlich wie Computerspiele, die Online von unzähligen User gleichzeitig gespielt werden, kann über Hypermedien von verschiedenen Orten und verschiedenen Anwendern (tendenziell) parallel, d. h. in Echtzeit, an Projekten gearbeitet werden, welche die gleichen Information mit unterschiedlichen Medien weiter bearbeiten, ihre Ergebnisse aber zentral zusammentragen können, wobei zu prüfen bleibt, ob dadurch nicht nur quantitative, sondern auch qualitative Effekte erzielt werden können.

3. Ausblick

Wirkungsradien

hactivist.tv - als Plattform - ist auf multifunktionale Nutzung angelegt. Das Konzept umfasst - wie gesagt - die Bereitstellung verschiedener Ausgangsmöglichkeiten zur Erzeugung und zur Distribution von Information und ist auf einen experimentellen Umgang ausgelegt.

Experimentell ist so zu verstehen, dass die faktische Funktionalität von hactivist.tv (HTV) sich erst mit der praktischen Nutzung zeigen wird.

Eine zukünftige Fortführung des Projektes hactivist.tv könnte u. a. einen Fokus auf den Zusammenhang zwischen medialer Theorie und Praxis beinhalten, bei dem theoretische Reflexionen parallel zur praktischen Ausführung angestrebt werden. So könnte man einen Kreislauf von Machen und Denken initiieren, bei dem Theorie und Praxis sich gegenseitig reflektieren und weiterentwickeln, aufeinander bauen. Ein Projekt könnte dann (auch von weiteren Personen) theoretisch so reflektiert werden, dass die Ergebnisse dieser geistigen Arbeit wieder in ein Nachfolgeprojekt einfliessen können, usw.

Quelle

Literaturverzeichnis

Glossar

2006-08-12 18:35:02 Uhr

Der Begriff des »Hacktivismus« ist fälschlicherweise mit dem Klischee verhaftet, dass »Hacktivismus« nur harte Programmiersprache und Nerdtum integriert. Dabei handelt es sich bei diesem Begriff um eine Vorstellung, die eine mögliche zufünftige Entwicklung von radikaler Theoriebildung, politischen Aktionismus und Technikreflexion vereint. Bei uns wird diese Begrifflichkeit um die beiden Komponenten Kunst und Design erweitert. Wie können crossmediale Formate, die sich mit medien- und designtheoretischen respektive technosophischen Fragestellungen beschäftigen, über verschiedene Wege und Formate (u. a. Web-TV) gestreut werden? Ensteht dabei eine »herrschaftsfreiere« Auffassung von Politik und Ästhetik?

hactivist.tv

Ströme der Technik - Ströme des Denkens

In Schriftform zu verkünden, was sich in ihr dem Ende zuneigt, führt zu einem infiniten Regress. Der Sturm auf dieses Medium ist wie die Maschinenstürmerbewegung ein starkes, romantisches Bild, das sich in seiner Auflösung befindet. Heutzutage ist es nicht mehr möglich, durch Zerstören von Maschinen und physische Protestbewegungen Widerstand zu leisten. Das Credo könnte demnach viel eher »kurzzeitig aufhalten, statt kurzzeitig zerstören« (Roland Barthes) heißen.

Gegen funktionale Ausdifferenzierung und Technologisierung hilft also kein von außen verkündeter, apostelhafter Aufklärungsgestus oder die Idee, dem computerisierten Leben durch Zerstörung Einhalt zu gebieten. Aus dieser Entwicklung heraus lassen sich zwei Forderungen formulieren: 1. Aufklärung kann nur unter computerisierten Bedingungen statt finden, auch wenn Europas DSL-Standard die Entwicklungsländer noch lange nicht erreicht hat. 2. Politische Formen des Widerstands oder des zivilen Ungehorsams, frei nach dem Hackerethos, sind an die maschinengestützten Nervenbahnen der Kommunikation angebunden.

Für die Zukunft von Wissenschaft bedeutet diese Erkenntnis, neue Formen von Ethik und sozialen Netzwerken zu berücksichtigen und auf dieser Basis, Anschlusskommunikation zu gewährleisten. So ermöglicht beispielsweise die Symbiose von Internet und Fernsehen eine dezentrale Streuung, Automatisierung und höhere Interaktivität von Sendeformaten. Nehmen wir die Beispiele Broadcatching und Streaming. Im Gegensatz zu der Distribution von Inhalten über einen Verteilmodus - wie z. B. Rundfunk - kann der Benutzer beim Broadcatching nicht nur die Quelle, also beispielsweise einen Sender, sondern auch den Inhalt selbst auswählen. Die Inhalte werden dabei nicht vorab selektiert, sondern aktiv gesucht; der Grad der Interaktivität des Mediums nimmt dabei zu. Beachtet man dabei auch das Streaming, das Übertragen von Bewegbildern und Sounds in Echtzeit, werden herkömmliche Distributions - und Verteilungspraktiken neu justiert, die sich durch autonome Netze (kabellos) einstellen können.

Wenn Inhalte im WWW per Creative Commons License - je nach lizenzrechtlicher Abstufung - der Verwertungsindustrie ihre Datenherrschaft streitig machen, ist der Weg geebnet für eine zukünftige Generation von Rezipienten und User, die ihre Formate dezentral streuen und interaktiv am Produktionsprozess teilhaben können.

Innerhalb dieser Plattform geht es darum, Medien-, Design- und Techniktheorie über verschiedene Distributionskanäle und Dastellungsarten (u. a. Podcast, Web-TV) miteinander zu verknüpfen und per Creative Commons License dem User zur Verfügung zu stellen, um eigene Remixarbeiten- und Formatideen auszubauen. Damit wird der Forderung nach einer »Bildenden« und vor allem offenen Wissenschaft nachgekommen, die sich weder vor ästhetischen, noch technischen oder politischen Fragestellungen verschliesst.