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Peter F. Stephan

2006-09-22 22:47:15 Uhr

Der noch junge Forschungsbereich des »Knowledge Media Design« versucht »heterogene Einzeldisziplinen zur Gestaltung von Wissensmedien zu organisieren« (Prof. Peter. Stephan) und erinnert dabei an Forschungsvorhaben der Kybernetik zweiter Ordnung. Wie lässt sich Gestaltung im Kontext bildender Wissenschaften vermitteln, wenn sie alte Theorieformen in neue Medienkomplexe überführen will? Ein Gespräch zwischen Marcus Klug und Prof. Peter Stephan (Kunsthochschule für Medien Köln).

Knowledge Media Design

Die Geburt des Designs aus dem Geiste der Kognition

»Routine ist der Tod von guter Gestaltung; der Tod des unerklärlichen Etwas, das eben da ist oder nicht.« (Wolfgang Beinert, Designer und Typograph, 9.7.2002)

Böse Design-Zwillinge: Schönheit und Dreck

Wenn mit der Routine der guten Gestaltung der Tod verkündet ist, kann Gestaltung an sich keine quantifizierbare Sache sein. Design hängt demnach auch mit Ästhetik und Schönheit zusammen, die sich zunächst von ihrem bösen Zwilling unterscheidet: der Drastik, dem Schmutz und dem Dreck. »Zum Schmutz, fuhr er fort, gehöre die direkte Berührung, er habe keinerlei Fernwirkung, bedürfe immer eines Substrats. Dass Schmutz auch anderwärts auftreten könne, erkläre sich allein aus ihrer Vorstellung, dieses oder jenes käme an sie heran. Um ihn aus der Ferne überhaupt diagnostizieren zu können, müsse die Person sich zuvor zu dem beschmutzten Ding selbst gemacht haben.« (Christian Enzenberger: Größerer Versuch über den Schmutz) Der böse Zwilling weist auf die Kernproblematik hin: zu einer Form gehören zwei Seiten, die sich gegenseitig aufeinander beziehen: das Schöne und das Häßliche, das eine wie das andere, Substrat des nicht bezeichneten Gegenübers.

Im physischen Sinne: die Ausscheidung des Körpers, die Träne, die von der Wange hinabläuft. Im Design: der Schmutz, der nicht kommuniziert wird, ohne den aber das Schöne, das Besondere, das Erhabene nicht bezeichnet werden könnte.

Dialektik oder Endophysik?

Eigentlich wollte ich gar nicht über Schmutz, Dreck oder Drastik sprechen. Aber um eine Vorstellung davon zu erhalten, was Design oder Gestaltung ausmachen, scheint es mir notwendig, diesen dialektischen oder vielleicht sogar endophysischen Prozess zu skizzieren. Die Endophysik begreift naturhafte Prozesse, die beobachtbar sind, von innen heraus. Vielleicht verhält es sich so ähnlich mit der Gestaltung: das Ding, das sich in seiner ästhetischen Form von anderen unterscheidet, erhält seine besondere Aura durch die Ausformung seiner Substanz.

Der falsche Schein vom Geist

Als ich mir neulich das »Philosophische Quartett« anschaute, wurde über den Sitz der Seele diskutiert. Seit dem 17. Jahrhundert, mit dem Wendepunkt des Rationalismus, Descartes’ Satz: Cogito ergo sum, wird der Sitz der Seele mit dem Geist gleichgesetzt. Es waren die Vitalisten, deren Philosphie sich gegen Descartes’ Einsicht richtete, die das Leben, den Körper im Gegensatz zur Ratio verkündeten.

Bei der Gestaltung geht es weder darum, das geistige gegen das körperliche auszuspielen, noch um wissenschaftliche Methodik und Empirie. Sie lebt vom freien Spiel, vom kreativen Umgang mit Kontingenz. Warum ich überhaupt den Ausflug in ein philosophisches Problemfeld wage, das sich mit dem Sitz der Seele beschäftigt? Ich kann das Unbehagen nicht loswerden, dass Rationalismus neuerdings mit geistiger Trägheit verbunden wird. Die Neurowissenschaften oder die Kybernetik präsentieren uns wissenschaftliche Modelle, die das Geistige zu materialisieren gedenken. In diesem Vorwurf klingt ein anti-aufklärerischer Grundton an, der das Positivistische oder Rationalistische am liebsten zum Teufel jagen würde. Im Umkehrschluss glaube ich viel mehr, dass uns diese Wissenschaften nicht das Denken abnehmen wollen, sondern vielmehr in Teilbereichen lehren, das Denken im Zuge technischer, gestalterischer und medialer Ausdifferenzierung zu begreifen. Es geht vor allem darum, und darin liegt für mich die Stärke der cartesischen Argumentation, den individuellen Skeptizismus zu bewahren. Welche Erkenntnisse können uns diese Wissenschaften lehren? Nehmen wir das Beispiel der Kybernetik zweiter Ordnung. Im Gegensatz zu der Kybernetik erster Ordnung ging es solchen Wissenschaftlern wie Heinz von Foerster darum, die objektivierende und kontrollierende Wissenschaft hinter sich zu lassen und statt dessen die Interaktion mit ihrem Gegenstand zu suchen.

Knowledge Media Design

Vielleicht wäre der gestaltungstheoretische Verknüpfungspunkt zu dieser Art von Kybernetik das Knowledge Media Design, eine noch junge Disziplin, die sich mit der Generierung, Vermittlung, Präsentation und Bewahrung von medial behandelbarem Wissen bzw. Wissensmedien beschäftigt. Bei der Entwicklung derartiger computerbasierten Medien sind neben fundierten informationstechnischen Kenntnissen (z. B. Software- und Usabiltiy Engineering) auch designerische (z. B. Screen Design, Kommunikationsdesign) und didaktische Fähigkeiten (z. B. Didaktik für multimediale Lernsysteme) gefragt.

An der Schwelle zur Turing-Galaxie

Ich interviewte Prof. Peter Stephan, der an der Kunsthochschule für Medien in Köln seit 1997 Theorie und Design der Hypermedien lehrt. Gleichzeitig ist er Gründer und Co-Geschäftsführer des Forum für Knowledge Media Design. Wie in der Kybernetik zweiter Ordnung geht es auch in diesem Forschungsbereich um eine Interaktion mit ihrem Gegenstand; um einen Austausch heterogener Einzeldisziplinen als »Denken am Modell« (Prof. Peter Stephan). Inwieweit diese Forschungsutopie einer Gemeinschaft von heterogenen Einzeldisziplinen in Zukunft relevant sein wird und welche Forschungsfragen dabei fokussiert werden, war der Ausgangspunkt unserer Diskussion. Dass mit zunehmender Komplexität auch mit Nicht-Wissen, Rauschen und unlösbaren Problemen gerechnet werden muss, ist die Einsicht, die an der Schwelle zur Turing-Galaxie als medientechnisches Apriori anzuerkennen ist. Die Anschlussfrage für den Gestaltungsbereich wäre: wie lassen sich medientechnische Entwicklungen anhand von objektgenerierten Designhorizonten vermitteln?

Michael Wetzel

2006-09-21 12:27:12 Uhr

Vor drei Jahren besuchte ich die Black Box, ein Programmkino in Düsseldorf, in dem der Film »Derrida« gezeigt wurde. Zu der Premiere des Filmes war u.a. auch Prof. Dr. Michael Wetzel eingeladen, ein Experte auf dem Gebiet der Dekonstruktion. Wir unterhielten uns über die Möglichkeiten, die Spur der Dekonstruktion im Film aufzunehmen ...

Die Spur, die Zeichen und der Film

Ein Gespräch zwischen Marcus Klug und dem Derrida-Experten Prof. Dr. Michael Wetzel

Am 11. Dezember 2003 fand in der Black Box (Düsseldorf) eine Podiumsdiskussion zum Film »Derrida« statt, an der auch der Medienwissenschaftler Prof. Dr. Michael Wetzel teilnahm, der sich auf die Dekonstruktion spezialisiert hat und einige Bücher von Derrida ins Deutsche übersetzte. Derrida selbst schaute nur selten Fernsehen und ging fast nie ins Kino. Wenn er überhaupt über diese Medien Aussagen traf, sprach er zumeist von einer »Gespensterphilsophie«. Das Gespensterdasein, das im Film ein »es« zum Sprechen bringt, eine Stimme, von der man nicht weiß, woher sie stammt, war auch der Ausgangspunkt der Diskussion, die ich mit dem Derrida-Experten Michael Wetzel führte.

Seitdem Derrida gestorben ist, geht das Gespenst der Dekonstruktion weiter in Europa um. Das Gespenstische an der Arbeit der Dekonstruktion ist eigentlich, dass niemand so genau weiß, was das eigentlich war. Eine Methode zum Lesen von Texten? Wenn Derrida sich nicht darüber sicher war, wer eigentlich im Film die Zeichen zum Sprechen bringt, ist dieser philosophische Einwand durchaus auch auf seine eigene, gelegentlich esoterisch-mysteriös wirkende Lesepraxis zu überführen. Ist die Dekonstruktion nicht selbst eine Aufschreibetechnik, die nun in gespenstischer Weise fortgesetzt wird? Und kann man diese Lektüre, die einerseits den Text nach außen hin hervortreten lässt, andererseits die Geschlossenheit eines Buches denkt, auf andere Medien übertragen werden? Wäre es möglich, die Schriftzeichen, die von ihrem Zentrum verschoben werden, an der Schwelle zum Medium des Filmes erneut als Spur aufzunehmen?

Biographie

geb. 1952 in Berlin, Studium der Philosophie, Literaturwissenschaft, Linguistik und Erziehungswissenschaft an den Universitäten Bochum und Düsseldorf 1972-1980. 1980 Promotion zum Dr. phil. an der Philosophischen Fakultät der Universität Düsseldorf. Lehrtätigkeit an verschiedenen Universitäten des In- und Auslandes (u. a. Mannheim, Essen, Innsbruck, Wien). 1992-98 Directeur de Programme am Collège International de Philosophie in Paris mit einem Projekt über »Langues et nations«. 1993-95 Habilitations-Stipendiat der DFG. 1996 Habilitation am Fachbereich Sprach- und Literaturwissenschaften der Universität/Gesamthochschule Essen. Seit 2004 Professur für Neuere Deutsche Literaturwissenschaft und Medienwissenschaft am Germanistischen Seminar der Universität Bonn. Seit 2005 Projektleiter am Kulturwissenschaftlichen Forschungskolleg »Medien und kulturelle Kommunikation« (SFB/FK 427).

nirdezneb auf der Altitude 2006

2006-09-18 18:03:02 Uhr

Bezug nehmend auf die Rezeptionsproblematik von musikalischen Strukturen im allgemeinen und von Noise / Power-Electronics (als abstrakte akustische Strukturen) im besonderen, soll eine Strategie entwickelt werden, die den Rezipienten und den Kontext der Aufführung mit einrechnet, um ein Verständnis für die künstlerisch-kommunikative Verwendung atonaler Strukturen zu schaffen, die von nirdezneb als gleichberechtigt in ihrem künstlerischen Ausdruck neben klassisch tonalen Strukturen gesehen werden. Das Set beinhaltete drei Kategorien von Sound mit verschiedenen Graden an Abstraktion:

  • 1. reinen Noise / Power-Electronics
  • 2. Dance-Noise
  • 3. Gitarren-Interludes

Altitude 2006

nirdezneb Audio Performance

Zum Wesen von Noise (Power-Electronics) – so wie nirdezneb ihn definiert – gehört ein hoher Grad an Abstraktheit. Für den unvorbereiteten Rezipienten bedeutet dies, dass seine Aufmerksamkeitsschwelle mit Anstieg des Faktor Zeit zu sinken beginnt; je länger eine Noise-Performance dauert, desto schwieriger wird es den unvorhersagbaren Strukturen und Klängen zu folgen.
Die Altitude Performance strebte einen sinuskurven-artigen Verlauf der Komplexität der Tracks an, bei dem sich extreme Höhepunkte bei Noise-Sounds mit unkomplexeren Stücken – in diesem Fall Gitarren-Samples – im »Tal« der Kurve abwechseln sollten. Ein dritter Faktor war das phasenversetzte Einbringen von Dance-Noise Tracks, welche eine Synthese aus Krach und rhythmischen, »tanzbaren« Elementen anstrebt. Das ungefähr einstündige Set der Altitude 2006 Performance, vom 13. Juli, 2006, welches Echtzeit Interventionen enthielt, wurde für die Online-Präsentation noch mal überarbeitet und in vier Blöcke aufgeteilt.

Siegfried Zielinski

2006-08-29 21:15:42 Uhr

Wie forscht man gegen eine eindimensionale, herkömmliche Geschichtsauffassung an? Wie befreit man die Geschichte von ihrer Rolle als reiner Zulieferer der uneingeschränkten Fortschrittsgläubigkeit? Bestimmt nicht, indem man den Forschritt zum Teufel jagt. Aber es existieren auch noch andere Wunschmaschinen, die sich mit der Technik poetisch verbünden.

An-archäologische Befunde

Experiment und Suchbewegung

Wohin gehen die Subjekte in theoretischen Erzählungen? Wenn diese noch eine emanzipatorische Suchbewegung vornehmen, mag man vielleicht glauben: »Rien ne va plus«. Nichts geht mehr, hatte doch der große Soziologe und Philosoph Adorno in seiner »Negativen Dialektik« noch allenfalls im Schein von Kunst und Zwölftonmusik die Erlösung gesucht und schließlich in eine tragische Sackgasse navigiert. Dagegen könnte man sich auch eine emanzipatorische Bewegung vorstellen, die etwas »Fröhliches« zu verkünden weiß. Gewiss macht sich in unseren Tagen ein Unbehagen breit, dass uns die Kehrseite der Globalisierung und allgemeinen Ökonomisierung doch noch alle einholen könnte. Die permanent hohe Arbeitslosigkeit und Desillusionierung in Deutschland sind zwei tragische Anzeichen dafür. Da freut man sich vielleicht umso mehr, dass solche fröhlichen Geister wie Siegfried Zielinski einen ganz anderen Ton einschlagen, mit Ernst Bloch gewissermaßen »Das Prinzip Hoffnung« verkünden.

In seinem Buch »Archäologie der Medien« plädiert Zielinski für einen machtfreien medialen Raum. Eine solche utopische Vision herrschaftsfreier Räume verbindet ihn mit dem großen Kulturwissenschaftler Walter Benjamin, der den universalen politischen und ideologischen Maschinen - in seinen kleinen Texten - immer wieder kritisch und sarkastisch gegenüber trat.

Spurenmagie

In einer opulenten Suchbewegung spürt Zielinski Ideen, Visionen und Entwürfen nach, die von einer unmöglichen Gegenwart des Medialen handeln, dabei aber die Position des Subjektes bestärken. Er erzählt uns von seinen persönlichen Helden, die weit mehr sind als bloße Ingenieure und Erfinder - Künstler, Performer, Alltagspoeten und Idealisten. Um einige Namen zu nennen: Empedokles, Kircher, Lombroso und Gotthold Ephraim Lessing treffen auf das Critical Art Ensemble. Die Zauberworte dieser emanzipatorischen Vision heißen dabei: Freundschaft und Experimentierbereitschaft.

Möglicherweise ist Zielinski kein Medienhistoriker, sondern ein Spurenmagier. In seiner »An-Archäologie der Medien« kanalisiert er die Kräfte der Poesie und Einbildungskraft, um in ihrer Begleitschaft jene Orte der medialen Geschichte aufzusuchen, die nicht primär der Suche nach dem Unbedingten frönen. Es sind vielmehr die Nachbarzonen, die Randgebiete der Geschichte, die in vielen historischen Erzählungen auf der Strecke bleiben, obwohl sie uns den Weg aufzeigen könnten in ein hinreißendes Anderswo.

Biographie

Jahrgang 1951, studierte Philosophie, Theaterwissenschaft, Deutsche Philologie, Medienwissenschaften, Politologie und Linguistik in Marburg und Berlin und schloss sein Studium mit einer Arbeit zum »Jud Süß«-Regisseur Veit Harlan ab. In den 1980ern war er Medienwissenschaftler bei Friedrich Knilli an der Technischen Universität Berlin, 1990 wurde als Professor für Audiovision an die Universität Salzburg berufen. 1993 übernahm er den Lehrstuhl für Kommunikations- und Medienwissenschaften an der Kunsthochschule für Medien Köln, von 1994 bis 2000 war er deren Gründungsrektor und Rektor. Er lehrt und forscht zur Geschichte, Theorie und Praxis der Audiovision mit dem Schwerpunkt Archäologie der Medien.

Jens Ohlig

2006-08-27 22:02:24 Uhr

Hacker werden oft mit destruktiven Computerspezialisten oder Script Kiddies verwechselt. Ein Hacker kann aber auch ein politisch motivierter Aktionist sein. Als ich mit dem ehemaligen Pressesprecher vom Chaos Computer Club über virtuelle Streikformen, Partisanen und Hacktivisten diskutierte, wurde mir bewußt, was digitaler Widerstand bedeuten könnte. Das Analoge wurde dabei ein wenig vernachlässigt und gerade hier, im blinden Fleck der Unterscheidung, haust der hybride Protestankerpunkt.

Wie man digitale Räume zerlegt

Elektronisch-ziviler Ungehorsam

»Nach allgemeinem Verständnis ist ein Hacker ein überaus talentierter Computerspezialist, welcher Sicherheitsbarrieren überwinden und in fremde Systeme eindringen kann. Destruktive Hacker werden abwertend als Crasher oder Cracker charakterisiert. Ein Hacker, der Gebrauch von seinen Fähigkeiten macht, um politisch tätig zu werden, wird als Hacktivist bezeichnet. In den Medien findet diese Unterscheidung jedoch kaum Beachtung. Fälschlicherweise wird dort das Verständnis für den Begriff ›Hacker‹ meist auf einen destruktiven Computerexperten reduziert, der seine Fertigkeiten vornehmlich für kriminelle Zwecke nutzt.« (http://de.wikipedia.org/wiki/Hacker)

Ziviler Ungehorsam

Ein Hacker, der politisch motiviert ist, wird als Hacktivist bezeichnet. Der Begriff »Hacktivist« ist aus den beiden Wörtern »Aktivist« und »Hacker« hervorgegangen. Ein Hacktivist bedient sich des zivilen Ungehorsams; sein politisches Engagement resultiert aus virtuellen Aktionen oder Straßenprotesten.

Die digitale Transformation

In meinem Interview mit dem ehemaligen Pressesprecher des Chaos Computer Club diskutierten wir darüber, wie man sich virtuelle Widerstandsformen vorstellen kann. Im digitalen Zeitalter scheint es nicht mehr auszureichen, in physischer Form Protest auszuüben. Zum realen Körper tritt der Databody, der virtuelle Körper, dessen Datenspuren den digitalen Raum markieren. Da auch das das Monetäre und Politische die Form des Digitalen annehmen, werden Waren und Werte nicht mehr nur analog distribuiert, sondern tauschökonomisch ins Digitale transformiert. Um diese Ströme umzulenken oder kurzzzeitig außer Gefecht zu setzen, muss sich der Aktivist unweigerlich mit der technischen Basis der Informationsökonomie auseinandersetzen, dessen Gesetze in Codierungen eingebettet sind.

Am Anfang war der der Maschinenstürmer

Zunächst sprachen wir über die Maschinenstürmer, die zu Beginn der Industrialisierungsepoche noch versuchten, die Vollautomatisierung von Arbeitsprozessen durch das Zerschlagen von Maschinen aufzuhalten. Die allgemeine Computerisierung hat dazu geführt, dass eine solche Art von Protest allenfalls noch als symbolischer Akt betrachtet werden kann. Man könnte den Maschinenstürmer als böses Alter Ego, als zweite destruktive Hälfte des Hackers auffassen. Ist dem Hacker die Liebe zur Maschine eigen, so zerstört der Maschinenstürmer sie im Umkehrschluss. Es existieren aber auch moderne Formen der Maschinenstürmerei, etwa das schlaffe Luditentum (Vgl. Critical Art Ensemble). Hierbei handelt es sich um eine Spezies von Stürmern, denen längst klar geworden ist, dass das Digitale nicht mehr aufzuhalten ist. Die schlaffen Maschinenstürmer leisten dadurch Protest, dass sie sich, soweit es geht, der Arbeit vor dem Rechner entziehen oder sich andersweitig zerstreuen.

Die Phänomenologie des Streikens

Als ich Jens Ohlig interviewte, dachte ich noch an eine andere historische Analogie. Hacker werden häufig mit Script Kiddies oder destruktiven Aktivisten verwechselt, denen es nur darum geht, den digitalen Müllberg anderer User zu vermehren oder ihnen systematisch Schaden zuzufügen. Politisch könnte man die Figur des Partisanen, der hinterrücks operiert, aber dennoch nach bestimmten politischen Maximen handelt, mit einem Hacktivisten vergleichen, der Widerstand leistet, aber einer Ethik folgt: u.a. den Zugang zu Computern universell einzufordern, oder das Leben durch Computer zum Besseren zu verändern.

Jens Ohlig betrachtete diesen Vergleich als unhaltbar, auch wenn er zunächst interessant anmutet. Am Ende blieb aber dennoch die Frage offen, wie es in Zukunft möglich sein wird, virtuell Widertand zu leisten bzw. virtuelle Streikformen so zu betreiben, dass sie den realen in ihrer Bedeutung in nichts nachstehen könnten. Wie kann man virtuell streiken und welche ungeahnten, verborgenen politischen Möglichkeiten ergeben sich dadurch? Eins scheint jedenfalls mittlerweile klar geworden zu sein: das Analoge und Digitale muss in einer Synthese radikal überdacht werden; hier könnte von einer Phänomenologie des Streikens gesprochen werden, die den Körper und die digitalen Ströme im Politischen, im Ereignis, zusammenführen. In diesem Hybridraum müssen Codes nicht zerstört werden, sondern im kreativen Sinne re-codiert werden.

Biographie

Jens Ohlig ist seit etlichen Jahren Mitglied des Chaos Computer Club und war von 2000 bis 2002 im Vorstand als Sprecher des Vereins tätig. Er arbeitet als Softwareentwickler in Köln und lebt in Bonn, wo er Koreanisch und Englisch studiert hat. Seine Interessen liegen in den Schnittpunkten von Technik, Gesellschaft, Politik und Kultur.

Marcus Klug

2006-08-26 18:35:02 Uhr

Die erste auditive Ausarbeitung unseres neuen Formates Hermkognesie. Ausgehend von einem virtuellen Portrait werden die Themen Hermkognesie, Datenherrschaft und Hacktivismus theoretisch verbunden und in einer improvisierten Rede zur Tonspur addiert. Ihr seit herzlich willkommen, entweder in Ego-Regie oder Kommunenbildung eure eigenen theoretischen Spekulationen in Audio-Form zum Fliegen zu bringen ...

Der gehackte Wunsch

Abschweifungen ausgehend von einem virtuellen Portrait

Lange Zeit war uns nicht klar, was Kybernetik zweiter Ordnung zu bedeuten hat. Gewiß spricht man davon, andere zu beobachten, die selbst beobachten. Bevor diese beobachtenden Beobachtungen aber in die mediale Tat umgesetzt werden können, steht die Selbst-Reflexion auf dem Steuerungsprogramm. Wie nehme ich mich selbst war? Welche literarischen Mittel stehen mir zur Verfügung, den Zwiespalt zwischen meinen Gedanken und Gefühlen zu beschreiben; wie kann eine theoretische Reflexion vorgenommen werden, die das logozentrisch gesteuerte Subjekt von seinen rationalen Fesseln befreit? Kann sich das Subjekt in der Poesie oder in der Literatur - im Bereich des Spekulativen, Flüchtigen oder Mehrdeutigen - zum Sprechen bringen? Wird in der Sprache der Literatur und Poesie nicht schon der Bruch in der Subjektivität sprachlich zum Ausdruck gebracht?

Das Phänomen des Hacktivismus ist nicht so weit entfernt von diesem fundamentalen Bruch. Im Hacktivismus wird der Traum von Virtualität, von nomadisierenden Singularitäten, die in Vielheiten aufgehen wollen, digital gedacht. Deshalb kann die Grenze der Technik durchbrochen werden, um im Poetischen, Musikalischen, Literarischen oder Mathematischen, Verwandtschaftslinien aufzuzeigen, die nur durch die Repräsentation gefährdet werden können. »Die Bildung einer Synthese, von der man nicht sagen kann, von wo aus ihre Stimme spricht«, schrieb ich im Text zu unserem Format Hermkognesie. In Brieffragmenten, philosophischen Reflexionen und apokryphen Abschweifungen versuche ich nun in Podcastform ein »freies« gedankliches Spiel zu entfalten, das auf zwei bereits verfasste Briefe basiert, die sich mit der allgemeinen Philosophie unserer Plattform beschäftigen. Ob mir dieses Spiel gelungen ist, können nur andere beurteilen. Die Themen kreisen um Second Order Television, Hactivismus und Datenherrschaft.

Andreas Grueter

2006-08-22 09:31:02 Uhr

Wie verhält es sich mit einer Mode, die mehr sein will als reine Produktoberfläche? Von besonderen Stoffen, Accessoires und Anekdoten. Ein Gespräch zwischen dem Modejournalisten Andreas Grüter und dem Theoretiker Marcus Klug.

Kill my brand!

Re-Intellektualisierung in der Modewelt

Die 80iger Jahre waren das Jahrzehnt des schlechten Geschmacks. Männer und Frauen in Jogginganzügen, Goldketten, grellen Farben und hochtoupierten Frisuren verpackt. Hinzu gesellte sich die fast schon rüherende Anbetung des Geldes, wie es bei Sybille Berg heißt, bevor in den 90iger Jahren der globale Wahn an den Börsen ausbrach.

Mode und Mord

Kein anderer hat diesen Wahn so abstoßend und nihilistisch in Szene gesetzt wie Bret Easton Ellis mit seinem Roman “American Psycho”. Die Hauptfigur - Bateman - mordet, foltert; mal mit Messer und Tränengas, mal mit einem Bolzenschußgerät. Im selben Roman wird auch ein illustrer Einblick in die Modewelt seines Protagonisten gewährt. Ellis zählt auf, was zu damaliger Zeit in New York gerade hip war: Prada, Gucci, Louis Vuton. So kann man sich vorstellen, wie Bateman ganz in Prada eingehüllt, seine blutdurchtränkte Bettwäsche in der nächsten Wäscherei abgibt.

Jahrzehnt der Hülle

Der Roman von Ellis offeriert eine ungeahnte dekonstruktivistische Lektüremöglichkeit. Das reine Aufzählen von Markennamen, die augenbetäubende literarische Wiederholung kann in einem Atemzug mit den mörderischen Exzessen Batemans´ gleichgesetzt werden. Dadurch verschwindet das Eigentümliche der Mode in der gewaltsam-quantifizierten sprachlichen Oberfläche. So bleibt die Frage offen, welche Strategien existieren, auslaufenden Identifikations- und Bedeutungsmuster, Qualitätsansprüche entgegenzustellen, die das austauschbare Dasein für ein potentielles subjektives Werden sensibilisieren. Was kommt also nach den 90iger Jahren, dem »Jahrzehnt der Schönheitschirurgie, der Hülle, der Leere. Aufräumen zum Neubeginn?« (Sibylle Berg) - mit Qualität?

Auslaufende Nihilisten-Rillen

Klingt alles wie ein Anti-Playdoyer. Klingt danach, sich in den Keller zu verkriechen und nicht mehr rauskommen zu wollen. Da könnte man auch gleich die Endlosrille einer Fatalismus-Dancemaxi durchlaufen lassen.

Anmutungscharakter

Versuchen wir es einmal anders. Hören wir einfach damit auf, der Mode-Welt vor lauter Zynimus den Laufpaß geben zu wollen. Hören wir auf, uns immer wieder solche gräßlichen Sätze wie »Geiz ist geil« zu vergegenwärtigen. Plötzlich stehen wir nicht mehr in der Einkaufsschlange bei H&M oder Aldi und reden über die Arbeitslosigkeit, das schlechte Wetter und den Esprit von Billigprodukten. Vielleicht kennen wir sogar den Unterschied zwischen preiswert und billig, qualitativ, luxuriös und dekadent. Die Helden unser Geschichte sind jene unerschütterlichen Geister, die sich nicht nur für die Oberfläche einer Sache begeistern können, sondern das spielerische Zusammenspiel verschiedener Elemente zu schätzen wissen und dessen Anmutungscharakter. Anmutung - ein wunderbares Wort. Möglicherweise könnte man es synonym für Qualität verwenden. Der besondere Stoff, die Stickerei, das Spiel der Farben und Kontraste, das Verhältnis zwischen Form und Funktion.

Das Glamouröse am Butterbrottschmieren

Und so sprach ich mit dem Modejournalisten Andreas Grüter über die Reintellektualisierung in der Mode. Kein Anti-Playdoyer, sondern eines für mehr Zeit, Qualität, Stilbewußtsein und Detailverliebtheit. Das Glamouröse in den Alltag transportiert. Der neugierige Hedonist, der zum Modedesigner nach Brüssel fährt, um dort gefragt zu werden, ob er ein Butterbrot geschmiert bekommen will. Mit Käse, bitte!

Biographie

geb. 1966 in Essen, durchlief in seiner Jugend weder Discokarriere noch Hippiesozialisation, sondern fing sofort mit Punk an. Parallel zur Suche nach obskuren US-Hardcore 7"s und perfekten Skatespots erste Veröffentlichungen im Fanzinedschungel. Nach der Schule dann unerwartete Kollision mit einem verhassten BWL-Studium und die kopflose Flucht in den Musikunderground, der sich jedoch weder als Labelmitbetreiber noch als Konzertveranstalter, Covergrafiker oder Magazinherausgeber so richtig retten ließ. Stolperte irgendwann durch seine damalige Freundin und einen Schreibjob für ein Stadtmagazin eher zufällig über das Thema Mode und biss sich fest. Seit 2000 Wahlkölner und als Redakteur beim j'n'c Magazin für Kontextarbeit zwischen Streetwear, Boardsport, Musik, Grafik und inhaltsschwangeren (Scene)politics verantwortlich. Als heilloser Idealist und vehementer Stildiktator neben konstanten Rückfällen in die Fanzinekultur (Die wilden, bösen Tanten, Banditenkönigin, Lecker, Smokin' Shutdown,...) und Arbeiten für u.a. Intro und Dazed & Confused, auch als DJ und Sänger kurzlebiger 1-2-3-4 Garagenprojekte unterwegs. Derzeitiges Lebensmotto: We don't play, we riot!

Klaus Sander

2006-08-16 20:37:46 Uhr

Im Buch Vorgemischte Welt wird die gängige Kulturpraxis im elektronischen Musikmetier zum Spannungsfeld einer aus Gast-Kommentaren und Interview-Passagen gesponnenen »Mehrtrick«-Collage. »Jetzt widerspreche ich mal selber eine Sekunde. Allem, was ich gerade nämlich geschrieben habe.« (Dietmar Dath) Und wie kann man jetzt - rotzig, frech und in Aufklärungschic eingehüllt - der hedonistischen Popfabrikation widersprechen. Wo findet man extraterrestrische Software und Hardware, mit der man Aphex Twins Window Licker auf der Zeitachse invertieren kann? Gibt man sich in Zukunft gänzlich der »Effektologie« hin?

Vorgemischte Welt

Klaus Sander, Jan St. Werner

Edition Suhrkamp - Am Anfang war der Pop, der die Konformität predigte. Mit Pop beginnt das Zeitalter, die Ströme des Non-Konformen in der Vervielfältigung und Medialisierung auszuschlachten.

Was Foucault als nicht existierendes Subjekt beschrieb, als Autor, dessen Stimme sich bereits aus unzählig vielen anderen summiert, lässt sich auch im Produktionsbereich vorfinden.

Mit der modernen Kunst, vor allem der Popart, wird ein Objekt zum Fetisch reproduzierbarer Serien. Die Kritik verschafft sich in diesem Reich das Recht auf Exklusivität und Akzeptanz durch ihre Komplizenschaft.

In Vorgemischte Welt wird die Anklage, dass auf Produktionsseite die Allverfügbarkeit von Materialien zur gängigen Praxis geworden ist, auf Nebenschauplätze verlegt. Dem geltenden Paradigma der Ausschlachtung von Musik wird eine Geste entgegengesetzt, die das Material der Reproduktionsbrutstätten von fast food und Eintrick-Performance, u.a. am Beispiel von politisch-aufgeladener Elektro-Akrobatik erhellt. Schon seit längerer Zeit jongliert Matthew Herbert mit Big-Mac-Mahlzeiten, Kommentaren und Schnipseln, die er live zur Polit-Collage ummodelliert.

Sander und Werner versuchen die oberflächliche Reproduktions-Praxis zu hinterfragen und periphere Stimmen mit ihrem Textgerät einzufangen, die im lauten Getöse von elektronischer Allzwecktherapie und hedonistischer Popfabrikation das Gefecht mit den Machthabern an der Wurzel umgraben.

»Der Wert eines Samples liegt für mich in der Auswahl, der Eigenständigkeit und in der Position im musikalischen Kontext, den es durch seine Form einnimmt (...) Wenn ich die Gerä¤usche einer Big-Mac-Mahlzeit für eine Aufnahme verwende, gehe ich nicht davon aus, dass die Sounds meine Aussagen genau illustrieren. Die Politisierung des Stücks findet im anschließenden Dialog mit dem Publikum statt, ob in einer Livesituation oder durch Interviews oder begleitende Texte. Damit haben wir zufällig das Unmögliche möglich gemacht: Wir können endlich genaue und objektive Aussagen über Musik treffen.« (Herbert, S. 11)

Da Kreativität durchaus ein Schlummerdasein fristen kann, aber nicht jeder gleichermaßen zum Ausnahme-Künstler werden kann, verstärkt sich der Eindruck, dass der verlängerte Greifarm der Softwareindustrie - dem Mythos vom Nebenher-Künstlertum - am Tropf der Materialeinimpfung beilegen will. Hier bieten Sander und St. Werner gute Beispiele, wie man mit den neuesten Updates von Musik-Software und Effekten, den nächsten großen Hype schaffen kann. F.X. Randomiz, den sie als Gast eingeladen haben, illustriert das am Beispiel eines stilprägenden Effektes.

»Im Jahre 1999 wurde durch den Song Believe von Cher eine Art der Bearbeitung von Gesang populär gemacht, die ihre Wellen bis heute schlägt und einen Großteil der aktuellen Produktionen prägt. Die Rede ist vom Effekt Autotune der Firma Antares. Dieser Effekt ist ursprünglich dafür gedacht, ungenau gesungene Töne anhand einer vorgegeben Skala gerade zu rücken, und es auch so ungeübten Sängern zu ermöglichen, schwierigere Passagen zu singen. Zum Zeitpunkt des Erscheinens dieses Effekts fingen denn auch bezeichnenderweise einige Popstars an zu singen, die es bislang eher beim Sprechgesang oder zaghaftem Rappen belassen hatten.« (F.X. Randomiz, S. 37)

Nun ist es aber unmöglich, aus der Perspektive der Update-Kultur als externer Beobachter einen Beobachtungsposten zu ergattern, der nicht mehr mit dem Nabel dieser Kultur verbunden ist. Wir alle zitieren, collagieren, adaptieren.

Um aus den Trümmern der Moderne neue Wände aufzubauen, die es lohnt, wieder einstürzen zu lassen, muss man sich darüber bewusst werden, dass man von je her Teil einer Kulturökonomie gewesen ist. Das »Neue« kann nur in der Auseinandersetzung mit der Tradition - als zerstreuter Zeitgenosse - reflektiert und in Produktionszusammenhänge transportiert werden.

»Doch wenn die Innovation nur mit schon Vorhandenem operiert, das im valorisierten kulturellen Gedächtnis oder im profanen Raum einen bestimmten Wert besitzt, und nur auf einer Veränderung im Verhältnis dieser Werte, d. h. auf eine Umwertung dieser Werte, abzielt, dann bedeutet dies, dass sie selbst ursprünglich eine Art Ökonomischer Operation ist (...) Nicht zufällig wird hier zur Charakterisierung der Innovation der Terminus Valorisierung benutzt, der nicht auf die idealen Werte, sondern auch auf den kommerziellen Wert verweist.« (Boris Groys: Über das Neue, Frankfurt 1999, S. 121)

Von einem solchen kommerziellen Wert könnte man vielleicht in produktionstechnischer Hinsicht sprechen, wenn aus Hardware, Software und »Effektologie« eine Position gewonnen wird, die sich einen gewissen Überblick über das Vorhandene verschafft und diese Erkenntnis tauschökonomisch nutzt. Dass dieser Überblick natürlich niemals vollständig sein kann in einer derart hochkomplexen, funktional ausdifferenzierten Welt, dürfte dabei klar sein. Zuletzt kommt es dann vielleicht nur darauf an, wie das Vorhandene zum Einsatz kommt, wie man die Funktionen, die z. B. Software im Musik-Terrain bietet, nutzt, und auch einmal gegen ihre eigentliche Verwendung gebraucht.

»Mich interessiert, wie weit jemand mit einer bestimmten Software gegangen ist. Was hat er da rausgeholt, und was hat er sich damit einfallen lassen? Die Anwendung, für die Software gedacht ist, ist ja oft gar nicht die einzige mögliche. Es sind die Kombinationen, durch die Spannungen entstehen. Musik ist nicht eine einzelne Information, die dann über vier Minuten ausgedehnt wird, sondern ein komplexeres Spiel aus sich ständige bewegenden und ineinandergreifenden Elementen.« (S. 45)

Pierre Klossowski

2006-08-11 14:23:02 Uhr

Es gilt eine erotische Wahrheit in ihren Variationen zu erkunden. Klossowskis magischer Erotismus folgt Deleuze im Prinzip der Auflösung von Identität.

Literarische Exzesse

Pierre Klossowski

Merve Verlag - Unser Gehirn, rechte und linke Gehirnhälfte, emotionale und rationale Zentren, die sich überkreuzen und in diesem Zwischenraum die Grenzen beider auflösen. Ich folge also einer anderen Spur. Ich lese Klossowski, einen Hermaphroditen (zweigeschlechtig).

»Vor allem seit ich mich der Malerei hingebe, lebe ich die verschiedenen Etappen meiner Existenz wieder - nicht mehr in der Zeit, sondern in einem Raum, in dem sich alle Ereignisse nebeneinanderstellen ebenso wie alle Physiognomien, die meine Existenz bevölkert haben. Ich finde meine Erinnerungen nur mehr wieder, wo sie durch das, was ich geschrieben habe, resorbiert worden sind.« (Divertimento für Gilles Deleuze, S. 60)

Klossowski war in seinem Leben nie ein Wesen, sondern immer eine Mannigfaltigkeit - Übersetzer, Zeichner, Schauspieler, Essayist und Romancier. Und diese Mannigfaltigkeit spiegelt sich stets im Werk selbst wider, so wie z. B. in seinem berühmten Roman Die Gesetze der Gastfreundschaft, in dem sich der Protagonist Roberte in ein Bündel von Identitäten verwandelt. Ich habe mich noch nicht verwandelt, spüre aber, dass das zentrale Thema bei Klossowski - die »Personenvermehrung« - uns für die eigene Identitätskonstruktion sensibilisieren kann. Vielleicht verwandeln wie uns noch in diesem Jahr in ein Wolfswesen. Bei Freud gibt es den Wolf und die sieben Geißlein, in Wirklichkeit gibt es aber tausende von Wölfen. So sollte ich auch die mir vorliegenden zwei dünnen Büchlein behandeln, die, wenn ich nicht aufpasse, wie Burroughs Schreibmaschine anfangen zu mutieren und sich zusammen mit den anderen Büchern in meinem Regal in ein unbekanntes Wesen verwandeln.

Und wenn schon, denke ich mir, dieses unbekannte Wesen ist auch ein Teil von mir. Die beiden Büchlein werde ich in dieser Besprechung ineinander verkeilen, das Prinzip der Identität von seiner Leere aus betrachten.

Klossowski selbst hielt nicht allzu viel von der Idee der Auslöschung des Subjektes, obwohl er mit den philosophischen Experimentatoren wie Deleuze, Foucault und Derrida sympathisierte. Die Idee vom Tod des Menschen, die nach dem Erscheinen von Foucaults Buch Les Mots et les Choses (dt. Die Ordnung der Dinge, Frankfurt am Main 1971) für einen geistigen Skandal in Frankreich sorgte, beschreibt das Bild eines Menschen, dessen Verhältnis zur Wahrheit nur ein Trugbild ist, nachdem der Mensch als Subjekt der Freiheit aus der Philosophie verschwunden ist. (Vgl.: Michel Foucault: Dits et Ecrits 1, S. 847 ff.) In Divertimento für Gilles Deleuze fährt Klossowski seine Idee des Simulakrums (Spiegelbild, Traumbild, Gespenst) aus und vergleicht diese mit dem Deleuzeschen Versuch, das Unlehrbare in die Lehre zu überführen. »Zweifellos befand sich Deleuze in einer begünstigten Lage aufgrund seiner Affinitäten zu einem anderen exemplarischen Geist, dessen Erkundungen benachbarte Zone erschlossen: Michel Foucault. Beide haben schlechterdings gemeinsam: die Liquidierung des Prinzips der Identität.« (S. 7)

Diese Liquidierung wird bei Klossowski in das Prinzip des Exhibitionismus überführt, ein und dieselbe Szene immer wieder aufs neue zur Schau gestellt, um »im Malen wie im Schreiben stets dieselbe Physiognomie zu exhibieren: ein und dieselbe Szene in endlosen Variationen.« (S. 43)

Betätigen wir uns doch einfach als Exhibitionisten! Nehmen wir das Stück Roberte und Gulliver (S. 17 - 42), in dem Robertes Körper von Gulliver bestiegen wird, der selbst zum Exhibitionisten wird, weil er immer wieder die Erklimmung des anderen Körpers demonstriert. Wir sehen beigefügte Zeichnungen von Klossowski, auf denen eine Frau sich ihrer Lust hingibt, die Augen dabei schließt und von verschiedenen Personen beobachtet und von dem kleinen Gulliver bestiegen wird. Der Text- und der Bildkörper verschwimmen miteinander wie die linke und rechte Gehirnhälfte, deren Grenzen sich im Zwischenraum der Betrachtung auflösen. Die Zeichnungen animieren dazu, den Textkörper im Hirn zerfließen zu lassen, eine Art lüsterne Cut-Up-Technik der Rezeption anzuwenden.

Das zweite Büchlein, ins erste verkeilt, in Teilen, dieselbe Szenerie, anders variiert - Kultische und mythische Ursprünge gewisser Sitten der Römischen Damen.

Ich erinnere an Karneval, um gewisse kultische Ursprünge zu veranschaulichen, das Simulakrum - die bedingungslose Lust, die im Alltag immer nur ein Trugbild bleibt. Karneval ist auch ein solches Gespensterphänomen, bloß ohne die Götter dabei anzubeten. »Es gilt, diese außergewöhnliche Zeitlichkeit streng von der ekstatisch-karnevalesken Außerkraftsetzung der Ordnung zu unterscheiden, bei der die Dinge in einer allgemeinen Orgie auf den Kopf gestellt werden.« (In: Slavoj Zízek: Körperlose Organe, S. 80)

Gewissen Damen wurde es im römischen Erotismus zugestanden, sich während göttlicher Anbetungszeremonien ihren Lüsten bedingungslos hinzugeben, solange sie diese Freiheiten als Ausnahmeregelung verstanden, etwa der Verlust der Unschuld, um die Gunst der Gottheiten zu gewinnen. (Sühneopfer)

»In diesem Stadium werden die Kurtisanen zu Darstellerinnen des sinnlichen Genusses, während die mythischen Realitäten bald nur noch als Vorwand für all das dienen, was in den Augen der Kirchenväter nur mehr oder weniger gotteslästerliche und jedenfalls ausschweifende Zerstreuungen waren.« (S. 53)

Klossowski selbst benutzt die Porträtierung dieser Ausschweifungen dazu, seinen literarischen Exhibitionismus vorzuführen. Das Thema ist immer wieder dasselbe, nur leicht variiert und versetzt, wir bewegen uns gerade in der Wiederholung auf eine nicht entschlüsselbare erotische Wahrheit zu, die sich über Klossowskis Textgeflechten hermaphroditisch ausbreitet. Hier ist er eins mit Roberte, Gulliver und dem Simulakrum.

Lesung von Sibylle Berg

2006-08-07 12:15:12 Uhr

»Sibylle Berg ist eine der wenigen deutschsprachigen Autorinnen, für die es sich noch lohnt, eine Buchhandlung zu überfallen«, hieß es einmal in einer Kritik in der Süddeutschen Zeitung. Dem ist nicht hinzuzufügen.

Ende gut

Sibylle Berg

Berg wirkte wie eine Droge auf mich. Eigentlich interessieren mich Erzählungen und Romane nicht. Lieber lese ich zuhauf wissenschaftliche Pamphlete und philosophische Abhandlungen. Das klingt wie ein abgehangenes, borniertes Intellektuellenklischee, ist aber überhaupt nicht so gemeint. Also versuche ich es erneut, Romane, Gedichte und Novellen auszugraben, die meine parallelpoetischen Phantasien beflügeln könnten. Da finde ich bei Frau Berg diese kraftvollen, zerschmetternden, schonungslosen Existenzialismen, die mich auch über ein paar hundert Seiten derartig zu faszinieren wissen, dass ich überhaupt nicht mehr versuche, den Sog ihrer Erzählung ausweichen zu wollen: »In der Nacht ist mein Schlafzimmer lebendig, wenn ich die Augen zu schließen versuche, reißen helle Blitze sie wieder auf. Der Geruch von verbranntem Mensch, neben mir im Bett abgetrennte Körperteile - zuviel für einen sensiblen Nordeuropäer. Natürlich stehe ich am Morgen hinter meinem Tresen. Mir ist nicht eingefallen, was ich sonst hätte tun können. Ich bin immer noch ein wenig steif, Stellen an merkwürdigen Orten meines Körpers sind perforiert und verschorft über Nacht.« (S. 118)

Berg schildert die Geschichte einer Frau um die vierzig, die alles den Bach runtergehen sieht. Flutkatastrophen, Seuchen, Terroranschläge. Ende gut wirkt wie eine Irrfahrt durch die verborgenen Landschaften unserer Ängste. Das, was sich kaum jemand traut auszusprechen, kotzt Berg in brachialen, schonungslosen Sätzen aus. Ihre Figuren scheinen direkt aus unserem Leben gegriffen zu sein, sie spiegeln unsere existentielle Langweile und Orientierungslosigkeit wider, aber auch unsere Hoffnungen, Wünsche und Sehnsüchte. Irgendwo schreibt sie von Christian Death. Man möchte hinzufügen: Skinny Puppy, Das Ich oder »Gott ist tot«. Alles ist scheiße. Hier könnte der Roman enden.

Die Deutschen und ihre gut gepflegte sakrale Schwere. Das ewige Genörgel. Früher war alles besser. Heute arbeitet man sich in die Sinnlosigkeit hinein, kein Ziel vor Auge, es fehlen die großen Visionen. Vielleicht waren die fünfziger und sechziger Jahre ja doch besser. Der große Boom, die Vollzeitbeschäftigung, die verheißungsvolle Luftblase von ewigem Wohlstand. Die fetten Jahre sind vorbei. Man möchte auch diese Sätze nicht mehr lesen, man ist ihnen überdrüssig geworden.

Das Ende bei Berg, die Konsequenz, der Untergang der Menschheit, mitnichten. Sie ist eine radikale, dunkle Idealistin. In ihre tritt die schwarze Romantik ein großartiges, personifiziertes Erbe an. Das unterscheidet diese Autorin auch vom ganzen Rest bundesdeutscher Krawallkomiker und zynifizierter Adornos der Fernsehunterhaltung. Sie hat eine Vision: »Was vor der Pause geschah: Die Heldin unserer Geschichte bis vor kurzem in einer unattraktiven Stadt (...) Nachdem die Stadt explodiert war und eine dicke Frau in ihrer Badewanne verblutete, entschied unsere Heldin, ihr altes Leben zu verlassen und mit allen Gewohnheiten zu brechen, denn beide hatten sich nicht wirklich bewährt.« (S. 165)

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